Hey Fremde:r,

Was hat Käse mit Ausreißen zu tun? Nun ja… für mich so ziemlich alles. Aber um das zu verstehen müssen wir erst einmal eine Reise in meine Vergangenheit machen. Ich hatte mich irgendwie festgefahren. In einem Job, der tendenziell cool war, leider aber für mich überhaupt nicht mehr das Richtige. Der Alltag wurde immer schwerer, der Job immer anstrengender und ich immer unzufriedener. Das Arbeitsumfeld wurde für mich zu einem toxischem Hexenkessel. Unter meiner Oberfläche brodelte es.

Was tun, wenn man nur noch wütend ist?

Ich wurde wütend über alles. Jede Kleinigkeit brachte mich auf die Palme. Versteckt habe ich das ganze jahrelang hinter einem Lächeln, das so falsch war, wie Milli Vanilli. Und jeden Abend musste ich mich irgendwie beruhigen, um einschlafen zu können. Und es fiel mir immer schwerer. Nachts wachte ich immer häufiger auf und musste meine Hände mit aller Kraft zu Fäusten ballen, um irgendwie Dampf loszuwerden. So steckte ich also fest. Und was dann?

YouTube, Insta, TikTok und Co. hatten da natürlich die Antwort auf alles: Selbstfindung, Selbstliebe, beruhigendes „Mandala malen für Erwachsene“.

Es war also so weit, dass ich mir tatsächlich Pinsel und Farben besorgt habe. Und mitten in meinem ersten Gemälde stellte ich dann fest, dass es tatsächlich etwas half. Ich war abgelenkt. Konnte meine Gedanken mal auf was „Unwichtiges“ konzentrieren. Das waren also meine ersten Ausflüchte aus meinem wirklichen Leben. 1-2 Stunden vor einer Leinwand als Türöffner in eine neue Welt. Schnell wurde mir aber klar, dass das Malen mich nicht lange genug fesseln konnte. Und ich begann Videos zu schauen mit schönen Dingen, die Menschen mit ihren eigenen Händen machten. Und ich fand ein Video, das mein Interesse weckte. In einer italienischen Provinz wurde Käse gemacht. Die Menschen wirkten so ruhig, so geduldig und entspannt. Da habe ich beschlossen, dass ich genau das machen möchte. KÄSE IT IS!

Wie macht man eigentlich Käse?

Ich schaute immer mehr Videos und bestellte mir ein Buch über die natürliche Herstellung von Käse (https://amzn.to/2SLygnP). Ein paar Tage später hatte ich dann alles beisammen und startete mit meinem ersten Gouda. 10 Liter Milch erwärmen, etwas Kefir dazu, nach einer Stunde Lab hinzugeben und warten, bis sich eine festere Masse bildet – dauerte bei mir ca. eine Stunde. Dann den entstandenen Käsebruch in 4 Durchgängen schneiden. Rühren, waschen, rühren, waschen, rühren – in die Form gießen, pressen und salzen. Anschließend mit Salz trocknen und einwachsen, um den Käse im Kühlschrank zu lagern. Das war es.

Und während ich meinen ersten Käse machte, wurde ich zu einem neuen Menschen. Ich war nicht mehr die gestresste und leicht aggressive Person, von noch einem Tag zuvor. Ich war Käserin für einen ganzen Nachmittag – ein anderer Mensch. Die Flucht aus dem Alltag war mir zum ersten Mal erfolgreich gelungen. Und immer, wenn mir seit dem etwas zu viel wurde, habe ich Käse gemacht. Einen Tag am Herd verbringen. Konzentriert mit den eigenen Händen etwas erschaffen, was nicht nur Geduld und Talent braucht, sondern auch noch viel Zeit und Ruhe.

Das Ausreißen in Teilzeit muss also nicht zwangsweise eine große Reise sein, oder etwas Langwieriges. Es kann auch einfach eine Aktion sein, die außerhalb Deiner Norm liegt. Finde etwas, das Dich glücklich macht. Etwas, das sonst vielleicht keiner tut und etwas, über das Du Dich eigentlich auch mit keinem unterhalten musst – weil es Deins ist. Teil Deines Ausreißer-Lebens. Ein kleines Stück „mal ein anderer Mensch sein“. Und sei es nur für ein paar Stunden. #stayOHsome

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